Aufwachendes Indien: Ein Grund der das sehr schwierig macht…. ‘des armen Mannes Internet’


17. April 2015 von Editor · in Indien. ·

(Übersetzt von Joska Ramelow)

Netzneutralität, oder ein schwaches Internet für arme Menschen: Warum Facebook Internet.org Aktivitäten dort auch als eine Spielart des modernen Wirtschafts-Rassismus verstanden werden kann.

Vielleicht haben Sie die Nachrichten von der digitalen Front in Indien mit verfolgen können. Dort entwickelt sich derzeit deutlich ein Szenario, das mit dem Begriff ‘Netzneutralität’ um Unterstützung buhlt.

Dieses neue Konzept sieht unter anderem in einem seiner Schlüsselbereiche vor, das alle Daten aus Bits und Bytes auf allen telco und anderen Carrier-Netzwerken gleichwertig behandelt werden sollten. Das ermöglicht die Erfahrung eines Zugangs zu gleichen Informationen in exakt den gleichen Internetbereichen, ohne eine Bevorzugung oder Benachteiligung irgendwelcher Seiten, aus welchen Gründen auch immer. (Achtung, hinter dem, was hier mit seiner Gleichstellungsklausel erst einmal gut klingt, verbirgt sich wohl der dicke Stein des Anstoßes… .! d. Übers.)

Allein im Verlaufe der letzten Woche erhielt die Telecom Authority of India (TRAI), die indische Telekom-Regulierungsbehörde diesbezüglich über 750.000 Protest E-Mails. http://savetheinternet.in

Dieser Vorgang war bisher Beispiellos. (Savetheinternet.in ist eine Website die als Plattform für Verbraucher eingerichtet wurde, um ihre Anfragen an TRAI zu richten)
Daran erkennt man schon ein tiefes Misstrauen gegenüber ”Zero” (Internet Format) in dem Land, wo es erfunden, und eingerichtet, wurde.

Eine kleines Streiflicht auf ”Zero” beleuchtet das Dilemma. ”Zero” steht für ”freier-Zugang-zum- Internet”. Einfach ausgedrückt, bedeutet es, das nur jene Websites die die Anbieter, in diesem Falle Zero, für ihre Bandbreite bezahlt haben, in dem Zero Bündel frei angeboten werden. Der Benutzer darf zwar kostenfrei surfen, aber ob das noch dem oben angesprochenen Gleichheitsprinzip entspricht, und damit dem Geist des freien Internet surfens, sei dahin gestellt.

Zwei der berüchtigten Zero Angebote sind Zero Airtel und Facebooks Internet.org.

Das Angebot Airtel versucht sich als “Marketing-Plattform für Apps” zu präsentieren, wobei man sich durchaus fragen kann, was denn daran so problematisch sein soll? Betrachtet man es von der Warte eines Surfers mit schmaler Brieftasche ist es wohl so, das sehr viele, auch junge, Leute in dieser Situation von diesem Angebot Gebrauch machen werden. Allerdings haben sie keine Möglichkeit unter weiteren Angeboten frei auszuwählen, da ihnen in diesem Umfeld der Zugang zum Weltnetz verwehrt bleibt.

Sowie sich die Benutzer anmelden und einloggen, werden ihnen lediglich eine handvoll Seiten von denjenigen Anbietern angeboten, die eine hohe Gebühr für ihre Präsenz entrichtet haben. Und diejenigen, die diese Platzierungsgebühr entrichteten, tauchen nun für die Neubenutzer exklusiv als ”Torhüter” zum Internet am Eingangsportal des sogenannten ‘freien Zugangs’ auf. Natürlich werden diese Anbieter, ob für Handygebrauch oder andere elektronische Services ihre Gebühren auf den Benutzer abwälzen, um ihre substanziellen Ausgaben für ihre Präsenz wieder herein zu bekommen.

Beginnend mit der Ausnutzung der ökonomisch schwächeren Teile der Benutzergemeinde, bis hin zu Kartellformierung, die anderen Startups welche, aufgrund der hohen Vermittlungsgebühren, keinerlei Chance mehr haben durch die Empfehlungen der Mundpropaganda ‘entdeckt’ zu werden, bleibt das Ganze eine geschlossene Veranstaltung. Außerdem reduziert sich das Angebot der Benutzer so drastisch, das die wundervolle Welt des Internets, für ihren Wissensdurst ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Das ist ein schrecklicher Ausblick auf die Zukunft des Internets, da solche Praktiken auf Dauer wohl nicht auf Indien beschränkt bleiben werden.

Und 750.000 Menschen dachten sich das auch, und ließen es die Behörden druch ihre Proteste wissen.

Sowohl die Zero Airtel als auch die Facebook Services -erlebten in letzter Zeit schlechte Tage, mit dem Verlassen von Flipkart von Ersterem und einer Reihe von indischen Internet-Unternehmen bei letzterem: Cleartrip, Newshunt, NDTV und Times Group (teilweise) .
Facebooks Zuckerberg scheint, wohl in einem Akt der Schadensbegrenzung,, seine Wohltätigkeit in einem von ihm verfassten Artikel verteidigen zu müssen…

Während sich die Telcos- insbesondere Airtel- hinter ihrer zunehmend gehetzt klingenden Industrie-Gruppe der Cellular Operators Association of India verstecken, versucht es Mark Zuckerberg von Facebook in der Offensive in einer führenden Tageszeitung mit einem “redaktionellen Stück”. Dort versucht er seine Produkte zu verteidigen. Dort beschreibt er das Produkt Internet.org als eine Kreation die, angetrieben aus der reinen Güte seines Herzens, eine die Welt verändernde Corporate Social Responsibility (CSR) zutage gefördert hat.

Internet.org präsentiert sich etwas anders als das Airtel Produkt. Die junge Riege bei Airtel gibt offen zu, dass sie durch die Einführung von Zero Geld verdienen wollen, da sie anderweitig nicht genug Profite machen. Im letzten Jahr betrug der Reingewinn aber trotz allem Rs9,500 crore (1,5 Milliarden Euro). Zuckerberg arbeitet da etwas subtiler.

Und so funktioniert das System . Facebook engagiert sich als Kunde bei Telco -im Falle von Indien, geschieht es unter dem Firmennamen ‘Reliance’- und offeriert die Kosten für die Bandbreite und Dienste der Facebook-Website zu zahlen. Das schließt natürlich auch eine kleine erlesene Gruppe von anderen Websites mit ein.

Also, wenn die ökonomisch Schwächeren, die sich theoretisch keine Internetverbindung leisten können über den Zero Service bei Facebook einsteigen, kann es leicht zu Verwechslungen kommen. Da das über Internet.org geschieht, glauben sie im Internet zu sein. während sie in Wirklichkeit nur auf Facebook sind, mit seinen ein paar handverlesenen Websites im Angebot.

Zudem werden die Websites in aller Heimlichkeit und einem undurchsichtigen Prozess folgend ausgewählt. Zum Beispiel, bedient sich Facebook der Bing Suchmaschine, anstatt die Marktführer Google zu benutzen. Warum? Handelt es sich hier um reine Rivalität mit Google? Oder ist es wegen der Anteile von Microsoft an Facebook? Und dann offeriert Facebook mit ihrem Zero Produkt eine eine kleine Job Website wie Babajob anstatt der branchenüblichen Naukri. Warum? Liegt der Grund möglicherweise darin, das die weniger Erfolgreichen unter den Benutzern von vornherein schlechter gestellt werden sollen, bei ihrer Stellensuche? Niemand weiß es wirklich zu beantworten. Facebook eröffnet keinen Zugang zu der YouTube-Video-Website, dem größten Videoanbieter in der Welt, und gelichzeitig einem enormen Anbieter für unglaublich weitreichende Bildungsressourcen. Facebook zeigt nur Videos aus seiner eigenen Produktion. Das Ganze sieht nicht wirklich nach offener Menschenfreundlichkeit aus, nicht wahr? Internet.org bedient sich zudem nur der zweitrangigen Suchmaschine Bing, anstelle der von Google. Warum?

Der indische Journalist Nikhil Pahwa antwortete auf Zuckerbergs Einschätzung zu Zero , mit dem Hinweis, das die Forschungen, so oft sie auch wiederholt wurden, immer wieder auf die gleichen Schwachstellen hinwiesen. Dienstleistungen zum Nulltarif sind in der Regel vo einer viel schlechteren Qualität für die Menschen, die sich ihrer bedienen. Dieses Zero Projekt trägt somit die hässlichen Züge eines Wirtschaftsrassismus, in dem es effektiv zur Ausnutzung der Armen in den unterentwickelten Teilen der Welt führt. Unter dem Etikett des ‘wohltätigen Zwecks’ wird den Menschen eine schlampige, verkümmerte Version der wirklichen Internetwelt nur vorgegaukelt. Vijay Shekhar Sharma, Gründer des PayTM App, meinte: “Es ist ein schlechtes Internet für arme Menschen”.
In perfekter Ironie säuselt Zuckerberg vom Wunder eines Kindes in einem abgelegenen indischen Dorf, das die Macht des Internets entdeckt. Wäre Zuckerberg, der selbst als Wunderkind betrachtet wird, über Internet.org auf das Internet gekommen, so hätte er Facebook niemals  zusammen basteln können. (Dazu existieren ohnehin noch verschiedene Versionen, die der ‘Wunderkind’ Geschichte des Microsoft Gründers Bill Gates auch ähneln….d.Übers.)


Internet Dot Org ist weder ein Portal in das Internet. noch eine gemeinnützige Organisation. Es ist eher ein getarntes Proxy der Akquise Abteilung für den wirtschaftlich benachteiligten Facebook User.
Politische Führer in Indien haben diese Art der ‘Gemeinnützigkeit’ schön öffentlich angeprangert.


Zwei der digital versierten und klüger denkenden indischen Politiker, Naveen Patnaik von Odisha, und Arvind Kejriwal aus Delhi, die zusammen mehr als 60 Millionen Inder repräsentieren, haben sich inzwischen öffentlich gegen Facebook, Airtel und ihre Zero Internet Plattform positioniert.

Der Chief Minister von Odisha sagt in seinem Brief an die Regulierungsbehörde, dass “die Unterprivilegierten viel mehr verdienen als das, was angeboten wird, insbesondere sollte ihnen die Entscheidung überlassen werden was genau Ihren Anforderungen entspricht Wenn man den ökonomisch Schwächeren diktiert, zu was sie Zugang bekommen, nimmt man ihnen Ihr Recht zu wählen, was am besten zu ihnen passt”

Die Aam Aadmi Partei sagt: “Die Aam Aadmi Partei ist der Auffassung, das die erfinderische Jugend dieses Landes uns die nächste Google, Facebook oder WhatsApp. geben wird. Aber wenn einige Websites oder Anwendungen oder Dienste kostenlos sind, oder Angebote mit höheren Geschwindigkeiten daher kommen durch Anbieter mit gut gefüllten Kassen, verändert sich die Gewichtung, und richtet sich gegen den erfinderischen Geist der Jungen, und erstickt alle neuen Ideen in diesem digitalen Ökotop.”

Die regierende Partei, die BJP, hat lautstark die Netzneutralität und diskriminierungsfreie Verfügbarkeit des Internets angemahnt, nimmt aber nach wie vor eine abwartende Haltung in der Frage der Regulierungsprozesse ein.
Neutralität in Silicon Valley, aber nicht im Araku Tal….das Messen mit zwei Latten.

In der Zwischenzeit erhitzt sich die Debatte auch bei anderen Silicon Valley Firmen, die auch Teil der Zero’ Plattform Bemühungen in Indien werden wollen. Google führte in den USA lautstark den Kampf zur Netzneutralität an, hat aber in glänzender Heuchelei die Airtel Zero Plattform Anstrengungen in Indien äußerst leise, aber hinter den Kulissen kräftig mit unterstützt. Twitter tat das Gleiche. Sie schafften es aus beiden Winkeln ihres Mundes gleichzeitig so unterschiedlich zu reden, das sie einerseits die indischen Projekte kräftig mit vorantreiben, und andererseits in den USA lautstark für die Netzneutralität die Trommeln zu rühren.


Airtel hat eine lange Geschichte des schnellen und lockeren Spiels mit seinen Kunden, man fragt sich aber, warum Facebook dies jetzt nötig hat. Könnte der schwache Aktienkurs der Firma etwa einer der Gründe hierzu sein?


Facebook und Google haben mit 1,3 Milliarden Nutzern weltweit etwa die gleichen Benutzerzahlen. Facebook setzt etwa $ 12 Milliarden um während Google $ 66 Milliarden jährlichen Umsatz verbucht. Das ist mehr als das 5-Fache pro Benutzer, als bei Facebook. Facebook musste sich wohl überlegen, wie diese Lücke lukrativ und zuverlässig zu überbrücken sei. Deshalb mussten sie sich ernste Gedanken machen wie die Google ‘Falle’ mit einer anderen Suchmaschine zu umgehen sei. Google führte seinerseits in den USA einen lauten Kampf für die Netzneutralität, war aber auch schon ein stiller Teilhaber bei Airtel Zero.
Ergo, zeigt sich Internet.org, in ein schönes Gewand gehüllt, das aus glänzender Silicon Valley Philanthropie gewoben ist .

Wir werden es wohl nie genau in Erfahrung bringen können. Aber, es sieht so aus als würde Indien zu Facebook und Airtel Zero sagen…. ”Danke schön, aber Nein Danke!”


Vielleicht ist es wirklich der einzig gangbare Weg für ‘zweite’ und die ‘dritte’ Welt Länder sich so erwachsen zu geben, wie es die Länder der führenden Industrienationen auch untereinander tun, und somit auch die gleiche Behandlung von ihnen zu erwarten, die sie auch untereinander pflegen.


Oh, wir sind noch lange nicht fertig. Die Schlacht tobt immer noch, denn es sieht noch lange nicht danach aus, als hätten Facebook und Airtel ihre Bemühungen inzwischen zu Grabe getragen.

Es lohnt sich diese Entwicklungen weiterhin mit wachem Auge zu verfolgen.

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