Deutsche halten die Tagesschau für Lügen-Propaganda – das gibt jetzt sogar die ARD zu

Deutsche halten die Tagesschau für Lügen-Propaganda – das gibt jetzt sogar die ARD zu

Peter Harth

Dank ihrer verzerrten Ukraine-Berichterstattung haben die Mainstreammedien das Vertrauen der Menschen verspielt. Allen voran die Tagesschau. Die Journalisten wollten einfach nicht glauben, dass ihnen niemand mehr glaubt. Jetzt räumen sie kleinlaut ein, dass 71 Prozent der Deutschen dazu gehören. Besserung geloben die Medien aber nicht.

 

 

Eilmeldung: Die Mainstreammedien geben endlich zu, dass sie seit Monaten im Clinch mit ihrem Publikum liegen. Dass es landauf, landab »Lügenpresse« heißt und ihnen immer weniger Menschen glauben können. Jetzt sprechen die Journalisten endlich über die »wachsende Kritik speziell zur Ukraine-Berichterstattung in den Medien«. Wie bitte, das hat jetzt niemand mitbekommen?

Nun, ihren Gang nach Canossa hat die ARD auch sehr gut versteckt. Gestern (17.12.2014) lief der Bericht des Medienmagazins ZAPP im Nachtprogramm des NDR, zwischen 23.30 Uhr und der Geisterstunde. Das Hauptprogramm der ARD hatte einfach keinen Platz mehr, weil dort gesellschaftlich Wichtigeres gezeigt wurde, eine Beziehungs-Schnulze.

 

Es geht hier ja nur um die ganz große Vertrauenskrise der Mainstreammedien, allen voran die Tagesschau. Die ARD beauftragte Anfang Dezember ihr quasi-hauseigenes Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap. Dort musste man ausloten, wie groß der Image-Schaden wirklich ist.

 

Die Ergebnisse sind erschütternd: Nur noch 29 Prozent der Deutschen haben großes oder sehr großes Vertrauen in die Medien. Das heißt, dass 71 Prozent nichts oder fast nichts mehr glauben können. 2012 waren immerhin noch 40 Prozent von der Glaubwürdigkeit der Medien überzeugt.

 

Der Grund für das Misstrauen ist ganz klar die unausgewogene Berichterstattung über die Ukraine, ihre Einseitigkeit, ihre fehlende Objektivität. Um es mit den Worten des ZAPP-Berichts zu sagen: »Die Zahlen sind alarmierend« oder »Medien am Pranger, seit Monaten«.

 

Medien: »Interessengeleitet, gesteuert, manipulativ«

 

Um möglichen Schaden für ihre ARD-Nachrichtensendung abzuwenden, wurde ganz allgemein nach »Medien« gefragt. Jetzt erfahren die Zuschauer aber endlich, wie sehr ihre einst liebste Sendung um 20.15 Uhr im Kreuzfeuer der Kritik steht: »Tausende Zuschriften und Kommentare zur Ukraine-Berichterstattung. Eine Welle der Empörung.«

 

Der Chefredakteur der Tagesschau, Kai Gniffke, sitzt mit versteinerter Miene in seinem Fernsehstudio und sagt: »Das Ausmaß ist einfach so groß zu diesem Thema, wie wir es bisher noch nicht gehabt haben.« Natürlich sind auch Spiegel, Zeit, Stern, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und die anderen Mainstreammedien in der Glaubwürdigkeitskrise. »Der Vorwurf geht an alle Medien: Ihre Berichte seien interessengeleitet, gesteuert, manipulativ.«

 

Hervorragende Schlagworte! Dann können wir endlich darüber reden, was an den Vorwürfen dran ist. Nein, tun wir nicht? Schade. In der gesamten Sendung wird darauf nicht wirklich eingegangen, die Ursachen nicht erklärt. Stattdessen beleuchtet der ZAPP-Beitrag, wer die Wutbürger sind, die so hart ins Gericht mit ihren Mainstreammedien gehen. Die »Empörungsbewegung« würde in viele Untergruppen verfallen, sagt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in der Sendung. Entsprechend kommen die primitivsten Leser-Kommentare aus dem Netz, die Journalisten als »Pentagon-Marionetten« beschimpfen oder meinen, dass Goebbels neidisch auf unsere Medienlandschaft wäre.

 

Damit spaltet ZAPP den Protest und zieht alle fundierten, gut durchdachten und berechtigten Einwände der Kommentatoren in den Schmutz. Als nächster Seitenhieb wird Soziologe Andreas Anton aufgefahren. Er ist überzeugt, dass »jeder sehr abweichende, sehr abwegige Theorien im Internet veröffentlichen kann«, die »dadurch […] einen gewissen Verbreitungsgrad finden«.

 

Können 71 Prozent der Deutschen Opfer von Verschwörungstheoretikern werden?

 

Aha, 71 Prozent der Deutschen sollen geistig einfach strukturiert und als Einfaltspinsel das Opfer von verrückten Verschwörungstheoretikern aus dem Netz sein. Was für ein schönes Kompliment an das Publikum! Im ZAPP-Beitrag wird ein einziger Fehler der Tagesschau zugegeben, ansonsten erscheint die Nachrichtensendung als ein Opfer der Verschwörungstheoretiker.

 

In Wahrheit gibt die Nachrichtensendung ihre Fehler aber weder freiwillig noch offen zu. Es ist immer dasselbe Spiel. Sie wird einer Lüge überführt, mauert möglichst lange, gibt es dann zähneknirschend zu und schiebt nach, dass man irgendwie doch Recht hatte. Ein Paradebeispiel: Am 15. November 2014 zeigte die Tagesschau Russlands Staatschef Wladimir Putin allein am Tisch sitzend beim G20-Gipfel und dichtete: »Einsam und verlassen«. Das war gelogen, trotzdem rechtfertigte sich Chefredakteur Gniffke damit, dass man sich als Journalist auch in Putin einfühlen müsse, der einsam sei. Dass die Hauptnachrichtensendung der Deutschen jetzt wie eine Frauenzeitschrift über das Weltgeschehen berichtet, diese Meinung hat Gniffke exklusiv.

 

Doch zurück zu den 71 Prozent der Deutschen. Die bestehen offenbar aus ehemaligen BürgerrechtlerInnen der DDR wie Katrin McClean. Kurzdiagnose: Bei McClean wurde der alte Ost-West-Reflex geweckt, der ihr im sowjetischen Satellitenstaat anerzogen war. Dann ist da der Literaturchef der Berliner Akademie der Künste, Ingo Schulze, der ganz im Sinne der 68er zum weltweiten Frieden aufruft. Es folgt Filmproduzent Matthias Drescher, der erkennt, dass Journalisten ihre Arbeit nicht richtig machen, und deshalb auf fragwürdigen pro-russischen Blogs surft (Tenor des ZAPP-Beitrags).

 

Zu guter Letzt kommt die bloggende Wirtschaftsstudentin Vanessa Edmeier zu Wort, die es schlimm findet, dass sie ein Troll aus Putins gesteuertem Online-Mob sein soll. Gut zu wissen, dass 71 Prozent der Deutschen BürgerrechtlerInnen, Literaturchefs, Filmproduzenten oder Blogger sind. Wahr ist wohl eher, dass diese Menschen einmal im Leben ins Fernsehen wollten, aber eben nicht den Kern der Mehrheit widerspiegeln.

 

Journalisten haben keine »Fehlerkultur«

 

Nach der trivialen Erkenntnis von Medienwissenschaftler Pörksen, dass Medien ihr Publikum nicht »verachten« sollten, kommen deutsche Top-Journalisten zu Wort, um über die Schuld der Medien zu sprechen: Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, Ines Pohl von der tageszeitung (taz), natürlich Kai Gniffke von der Tagesschau und Bernd Ulrich von der Zeit. Sie sagen viel und meinen wenig.

 

Ein Highlight der Dreistigkeit setzt aber einmal mehr Gniffke: »Was ich feststelle, ist aber nicht eine erhöhte Fehleranfälligkeit bei den Medien, sondern – zum Teil gezielt, zum Teil unbewusst entstehend – eine Erosion von Vertrauen in Institutionen wie Medien, wie Politik, wie Europa.« Aber, aber, Herr Chefredakteur der Tagesschau, war das jetzt eine Verschwörungstheorie? Ändern wollen die Journalisten nichts. Sowohl Prantl als auch Gniffke sagen sinngemäß: »Weiter so!«.

 

Einen kleinen Lichtblick bietet die Chefredakteurin der taz, Ines Pohl: »Es ist ganz wichtig, eine Fehlerkultur zu entwickeln.« Das heißt aber, dass es bis jetzt diese Fehlerkultur unter deutschen Journalisten nicht gibt. Es gibt sie wirklich nicht, was wieder die Tagesschau beweist. Im Blog zur Sendung schreibt der zweite Chefredakteur, Christian Nitsche: Eine zu wohlwollende Berichterstattung über die Ukraine kann man doch auch nicht wollen. Das wäre ja noch viel schlimmer.

 

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/peter-harth/deutsche-halten-die-tagesschau-fuer-luegen-propaganda-das-gibt-jetzt-sogar-die-ard-zu.html